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Wohnen & Arbeiten

Im Vogelsberg: Telefonschriftdolmetschdienst für hörgeschädigte Menschen

Telefon-Dolmetscher Michael Döller bei der Arbeit (c) Vogelsbergkreis

Telefon-Dolmetscher Michael Döller bei der Arbeit (c) Vogelsbergkreis

Beeindruckend und noch weitgehend unbekannt ist das bundesweit einmalige Dienstleistungsangebot, für hörgeschädigte Menschen, per Chat ein Telefongespräch zu vermitteln. Wer daran angeschlossen ist, chattet (schreibt per Computer) mit einem Dolmetscher, der in seinem bzw. ihrem Auftrag telefoniert. Anbieter ist seit dem Jahr 2006 die "Neue Dienste Vogelsberg GmbH" in Alsfeld.

Rund 2.500 Telefongespräche werden dort monatlich für die "Tess Relay Dienste GmbH", dem bundesweiten Telefondolmetschdienst für hörgeschädigte Menschen im Bereich Textvermittlung (Tess TeScript), verdolmetscht.

Dagmar Gottschalk, Teamleiterin der neue dienste Vogelsberg GmbH, weiß um die Professionalität ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die weit mehr mitbringen als die Mindestanforderungen - 400 Anschläge in der Minute und am Gesprächsende ein verständlicher und vollständiger Text.

„Neben der Schreibgeschwindigkeit braucht es rhetorisches Geschick und Verständnis für die Hörgeschädigten“, erklärte sie. „Außerdem muss ein Telefon-Schriftdolmetscher Ruhe bewahren und das Gespräch gut moderieren können. Zusätzlich zum eigentlichen Gesprächsinhalt sind manchmal auch Regieanweisungen zu geben.“

Sechs Frauen und ein Mann ließen sich für diese Aufgabe ausbilden und legten im Herbst 2014 mit Erfolg bei der Volkshochschule eine entsprechende Prüfung ab. Aus den Händen des Vogelsberger Bildungsdezernenten Peter Zielinski und Kirsten Wegwerth (Fachbereichsleitung Berufliche Bildung an der vhs) nahmen sie ihre Zertifikate entgegen. Die Prüfkriterien hatten sich auf die Prüfungsordnung des Deutschen Schwerhörigenbundes e.V. für Schriftdolmetscher bezogen, erläuterte Kirsten Wegwerth.

Anhand einer unter Aufsicht erstellten Live-Telefon-Mitschrift mit insgesamt 4000 Anschlägen wurden Schreibgeschwindigkeit, Verständlichkeit des geschriebenen Textes und seine Vollständigkeit überprüft (65 Prozent des Textes müssen vorhanden sein).

„Sehr beeindruckend und professionell“ sei diese Arbeit gewesen – besonders für die Teilnehmerin Tilla Lotz, die in beide Rollen schlüpfen durfte und sich als Hörende wie auch als Hörgeschädigte über die Plattform Tess Tescript anmeldete und die Vermittlungsarbeit der Telefondolmetscher hautnah erlebte.

Der Ablauf - www.neue-dienste-vb.de/tess-2/

Über den PC-Lautsprecher ertönt das Klingeln des Telefons, auf dem Bildschirm blinkt es. Telefonschriftdolmetscher Michael Döller setzt sein Headset auf und nimmt den Anruf entgegen: Er klickt auf ein grünes Symbol und tippt die Begrüßungszeile: „Herzlich Willkommen bei Tess, 7 Tage die Woche erreichbar – von 8 bis 23 Uhr“ ein.

Im oberen Bildschirmfenster schreibt Max Mustermann: „Bitte rufen Sie die Praxis Müller in Alsfeld für mich an.“

Herr Döller wählt die angegebene Telefon- Nummer. Für jedes Freizeichen, das ertönt, tippt er drei Punkte in das Chatfenster. Als sich die Praxis meldet, schreibt er mit fliegenden Fingern das Gesprochene mit

Gleichzeitig sagte er in das Telefon: „Guten Tag, hier ist Tess, der Telefonvermittlungsdienst für Hörgeschädigte, ich bin live über Chat mit Herrn Mustermann verbunden. Er ist hörgeschädigt und ich vermittle das Gespräch."

Herr Mustermann schreibt: "Hallo, ich möchte gerne einen Termin beim Arzt vereinbaren zum jährlichen Check-Up. Können Sie mir einen vorschlagen, am liebsten nachmittags?“

Der Telefon-Schriftdolmetscher liest der Sprechstundenhilfe die Zeilen laut vor und sagt am Ende: „Sie können jetzt antworten!“

Die Angerufenen wären manchmal irritiert und vermuteten ein Call-Center am anderen Ende der Leitung, weil im Display eine 0180er-Nummer angezeigt wird, erzählt Herr Döller. „Manche legen auch verschreckt auf, lassen sich aber beim zweiten Anrufversuch erklären, dass es sich um die Vermittlung eines Gesprächs für einen Gehörlosen oder Hörgeschädigten handelt und nicht um ein Verkaufsgespräch“, schmunzelt er.

Quelle: Pressestelle www.vogelsbergkreis.de

2017 Vogelsberg