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Dossier: Vogelsberg Wasser

März 2016 - Der Vogelsberg wehrt sich erneut gegen vermehrte Grundwasserentnahmen

Bürgermeisterin Schaab und Stadtverordnetenvorsteher Dorfinger eröffneten die Veranstaltung (c) Brigitta Möllermann

Bürgermeisterin Schaab und Stadtverordnetenvorsteher Dorfinger eröffneten die Veranstaltung (c) Brigitta Möllermann

Am 10. März 2016 hatten Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Dorfinger und Schottens Bürgermeisterin Susanne Schaab zu einer öffentlichen Bürgerversammlung eingeladen. Mehr als 120 Einwohner und weitere Interessierte kamen an diesem Donnerstagabend in die Festhalle nach Schotten. Das Thema war "Wasser", genauer gesagt, das Grundwasser im Vogelsberg.

Dazu referierte Dr. Bernd Leßmann vom Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie (HLUG), der in den 1990er Jahren grundlegende hydrogeologische Arbeiten im Vogelsberg durchgeführt hatte. Er stellte seine technisch-wissenschaftliche Arbeit vor und erklärte den Anwesenden ausführlich die Hydrogeologie des Vogelsberges.

Das vulkanische Mittelgebirge ist Quellgebiet mehrerer Flüsse und besitzt riesige Grundwasserspeicher, da sich in Hohlräumen des Gesteins seit mehreren tausend Jahren in sogenannten Grundwasserleitern das Niederschlagswasser gesammelt hat. An manchen Stellen tritt es als Quelle wieder an die Oberfläche oder es fließt langsam ab in Bäche.

Das Wasser ist sehr rein und enthält normalerweise weder Keime oder Schadstoffe. Deswegen besitzt es eine ausgezeichnete Qualität. Durch den geologischen Aufbau der Gesteinsschichten ist der Vogelsberg einer der ergiebigsten Speicher Deutschlands und liefert Trinkwasser für die Region, in die Wetterau sowie in das Rhein-Main-Gebiet.

Wichtige Fragen zum Grundwasser wurden gestellt (c) Brigitta Möllermann

Wichtige Fragen zum Grundwasser wurden gestellt (c) Brigitta Möllermann

Schutz des Naturraumes - Vorsorge treffen für den Klimawandel

Der aktuelle Anlass für die Versammlung im März 2016 in Schotten war - kurz gesagt - der bereits 2013 gefasste Plan Frankfurts, u. a. für die Ausweisung neuer Baugebiete eigene Brunnen und Förderstellen stillzulegen. Die Einbußen bei der Wasserförderung sollen in Zukunft ausgeglichen werden durch den Bezug von Grundwasser aus dem Mittelgebirge Burgwald im Landkreis Waldeck-Frankenberg / Marburg-Biedenkopf sowie dem Vogelsberg, dem wichtigsten hessischen Fernwassergewinnungsgebiet neben dem Hessischen Ried.

Stadtverordnetenvorsteher Dorfinger mahnte gleich zu Beginn der Versammlung, der Wasserverschwendung nicht Tür und Tor zu öffnen. Er brachte zur Sprache, dass in Frankfurt der Verbrauch höher wäre als im Vogelsberg. Möglicherweise auch deswegen, weil man es dort um die Hälfte billiger bekäme.

Weiterhin sollte es vordringlich sein, die hohen Wasserverluste in den alten, teilweise maroden Leitungen in Zukunft zu stoppen. Durch einfaches Sanieren der Rohre würde das Versickern von kostbarem Trinkwasser verhindert: "Momentan ist so, als ob pro Jahr 3,9 Millionen Menschen im Ballungsraum Rhein-Main je 15 Liter Wasser pro Tag wegschütteten."

Das Publikum in Schottens Festhalle lauschte gebannt (c) Brigitta Möllermann

Das Publikum in Schottens Festhalle lauschte gebannt (c) Brigitta Möllermann

Das Problem ist nicht nur, dass in der Waldsiedlung noch mehr Brunnen trocken fallen

Auch Bürgermeisterin Schaab hatte sich gut vorbereitet und regte an zu hinterfragen,

  • woher das Grundwasser kommt und wie die Neubildung funktioniert,
  • wie sich der Klimawandel auf dieses System auswirkt,
  • was untersucht werden muss, um darauf Antworten zu bekommen.

Nahezu das ganze Gemeindegebiet von Schotten ist als Wasserschutzgebiet ausgewiesen. Das sind 134 qkm - eine Fläche größer als Darmstadt, größer als Kassel und drei Mal so groß wie die Stadt Offenbach.

Mit 520.000 Kubikmeter Wasser aus zwölf eigenen Brunnen und 17 Hochbehältern werden pro Jahr die Einwohner versorgt. Während die OVAG das Recht hat, bis 2036 pro Jahr im Wasserwerk Rainrod bis zu sieben Millionen zu fördern.

„Ein Wasserschutzgebiet, das deshalb so groß ist, weil jährlich bis zu 7 Mio. Kubikmeter für die Wasserversorgung in Rhein-Main bei uns gefördert werden dürfen. Das kostet die Stadt Schotten und ihre Bürger Geld in Form von Prüfungen bzw. Gutachten, erhöhten Umweltauflagen bei der eigenen Wasserversorgung und vor allem der Abwasserentsorgung. Unternehmen müssen höhere Auflagen erfüllen", berichtete sie. "Zudem ist es hier verboten, Erdwärme zu nutzen, und die Ausweitung von Bau- und Gewerbegebieten ist eingeschränkt."

Die Bürgermeisterin verglich auch das Nutzungsverhalten der Einwohner Frankfurts und derjenigen im Vogelsberg. Laut Angaben der Regierungspräsidien liegt der Durchschnitt der Rhein-Main-Region bei 126 Litern pro Kopf am Tag, im Vogelsberg bei 113 Litern.

Der begonnene Klimawandel hat bereits seine Spuren hinterlassen (c) Brigitta Möllermann

Der begonnene Klimawandel hat bereits seine Spuren hinterlassen (c) Brigitta Möllermann

Monitoring - Betrachtungen zum Wasser in der Erde

Im Prinzip ist man sich einig, dass für die Zukunft die Folgen des Klimawandels noch nicht wirklich einschätzbar sind. Trotzdem wollte an diesem Abend Dr. Leßmann eine mögliche Verschlechterung des Grundwasserstandes im Vogelsberg nicht einräumen. Im Gegenteil erwarte man von Amts wegen, dass trotz trockener Sommer der erhöhte prognostizierte Niederschlag im Winter zur Grundwasserneubildung beitrage.

Es ist richtig, dass es schon immer Pegelschwankungen gab. In der aktiven Vegetationsperiode wird mehr verbraucht. Im Winter versickert der Regen besser und die Schneeschmelze tut ein Übriges. Bis in mehr als 60 Meter Tiefe reichen die Bohrlöcher der Grundwassermessstellen - durch Basaltklüfte, vulkanisches Auswurfgestein (Tuff) und lehmige Verwitterungsschichten hindurch.

Von denjenigen Messstellen, die ihre Daten fernübertragen, sind die Stände täglich aktuell zu finden auf der Internetseite des Hessisches Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG): HIER <-KLICK.

Ein Liste der Messstellen findet man HIER <-KLICK.

Der Referent konnte jedoch keine Antwort darauf geben, wie es sich genau auswirkt, dass die Klimaveränderung auch im Winter die Grundwasserneubildung dadurch verschlechtert,

  • dass mit dem fehlenden Schnee auch die Schneeschmelze mit dem langsamen Versickern von Tauwasser im Boden fehlt,
  • dass Starkregenereignisse das Wasser abfließen lassen, bevor es versichern kann,
  • dass nach langen Regenperioden die Böden so gesättigt sind, dass sie kein Wasser mehr aufnehmen können und auch dann das Wasser abfließt, anstatt über die Versickerung das Grundwasser anzureichern.

Hydrogeologe Leßmann ist Dezernatsleiter im Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie in Wiesbaden (c) Brigitta Möllermann

Hydrogeologe Leßmann ist Dezernatsleiter im Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie in Wiesbaden (c) Brigitta Möllermann

Grundwasserschutz: Pläne und Aussichten

Forderung der Lieferregion an die Verbrauchsregion und die Landesregierung

Von den Kommunen und der Organisation SGV - "Schutzgemeinschaft Vogelsberg" wird gefordert

  • den Raubbau am Grundwasser in den Fernwassergewinnungsgebieten in Hessen zu verhindern
  • den Bau der neuen Fernwasserleitung zwischen Gießen und Lich zu stoppen
  • die Eigenversorgung der Metropolregion zu stärken
  • das Trinkwasser vom Brauchwasser zu trennen
  • nicht vorrangig stadteigene Brunnen zu schließen
  • den Grundwasserschutz nicht außer Acht zu lassen
  • Leitungsverluste zu verhindern.

Außerdem soll der 2014 abgelaufene Erlass zum System der "Umweltschonenden Grundwassergewinnung" verlängert und auf ganz Hessen als Standard ausgeweitet werden. Der Aufruf wird von mehreren Bürgermeister/innen aus der Region unterstützt. Auch Bürger können sich dem Protest anschließen und eine entsprechende Petition unterzeichnen: www.sgv-ev.de/petition/.

Mancher der anwesenden Zuhörer erinnerte sich noch gut an die ersten Förderzeiten (c) Brigitta Möllermann

Mancher der anwesenden Zuhörer erinnerte sich noch gut an die ersten Förderzeiten (c) Brigitta Möllermann

Schottens Bürgermeisterin Susanne Schaab hofft auf den von der Landesregierung initiierten Stadt-Land-Dialog mit Beteiligung der Bezugs- und Liefergebiete. Ein Aspekt ist in dieser Hinsicht, die finanziellen und ökologischen Belastungen der Förderregionen abzubauen.

Auftakt zum Leitbildprozess

Am 26. April 2016 lädt Umweltministerin Priska Hinz vom Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (HMUKLV) zur Konferenz. Geplant ist, ein Leitbild zu erstellen zur umweltschonenden Wassergewinnung in Bezug auf die Versorgung des Rhein-Main-Gebietes zusammen mit den Wasserförderregionen. Es sollen "ökologische Grundsätze als Eckpfeiler eines nachhaltigen hessischen Wasserwirtschaftungsplans unter Berücksichtigung der Anforderungen der Wasserversorgungsunternehmen und Städte" erstellt werden. Beteiligt werden auch die in der Sache engagierten Umweltorganisationen.

Bio-Monitoring im Vogelsberg

Die Entwicklung des Naturraumes Vogelsberg soll noch in diesem Jahr wissenschaftlich fundiert untersucht werden. Die Untere Naturschutzbehörde im Landkreis Vogelsberg wird gemeinsam mit dem Naturschutzgroßprojekt im Laufe des Jahres 2016 trocken gefallene Bäche und Quellen untersuchen. Aus dem Vergleich der Untersuchung von 1993 durch das Naturschutzzentrum Wetzlar sollen bei den 53 Quellen des Fördergebietes Schotten wichtige Erkenntnisse gewonnen werden.

Wolfgang Eckardt, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, mahnte zur Wachsamkeit (c) Brigitta Möllermann

Wolfgang Eckardt, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, mahnte zur Wachsamkeit (c) Brigitta Möllermann


Gut zu wissen

Wasserraubbau im Vogelsberg durch Unkenntnis der hydrogeologischen und ökologischen Situation

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde die erste Wasserleitung nach Frankfurt gelegt. Als mit den Jahren der Verbrauch stieg und - aufgrund von mangelndem Verständnis für die Umwelt - Ende der 1970er Jahre der Plan gefasst wurde, drei Mal so viel Wasser (120 Millionen Kubikmeter jährlich) wie zuvor nach Frankfurt zu pumpen, gingen die Vogelsberger auf die Barrikaden.

Sie wehrten sich gegen den "Raubbau", als ihre Bäche versiegten, sich der Boden senkte und Häuser Risse bekamen. Die Fürsten von Ysenburg und Büdingen ließen Gutachten zum Schutz des Waldes erstellen, und Umweltschützer gründeten 1989 mit den Betroffenen die Schutzgemeinschaft Vogelsberg (SGV). Mancher zornige Bauer oder Müller griff zu drastischen Maßnahmen. Da ging schon mal das eine oder andere Pumpenhäuschen in Flammen auf, wenn erneut Schäden infolge von Grundwasserschwankungen zu Tage traten.

Bis in die 1990er Jahre wurden für die öffentliche Wasserversorgung des Rhein-Main-Gebietes trotz allem jährlich rund 64 Millionen Kubikmeter Grundwasser aus dem Vogelsberg gepumpt. Sichtbare Folgen waren Setzungsschäden an Gebäuden, Mangelerscheinungen im Ökosystem Wald, mehrere Feuchtgebiete und Biotope trockneten aus.

Um schlussendlich die Konflikte zwischen den Einwohnern und den Versorgungsunternehmen beizulegen, die das Wasser förderten und an die Endverbraucher in Frankfurt verkauften, wurden nach vielen Verhandlungen für insgesamt 13 Gewinnungsgebiete pro Jahr 40 Millionen Kubikmeter Grundwasser als Obergrenze festgelegt.

Dr. Hans-Otto Wack (Umweltbüro Schotten) sprach weitere Probleme an (c) Brigitta Möllermann

Dr. Hans-Otto Wack (Umweltbüro Schotten) sprach weitere Probleme an (c) Brigitta Möllermann

Umweltschonende Grundwassergewinnung

Im weiteren Verlauf brachten wissenschaftliche Untersuchungen nützliche Erkenntnisse zu den besonderen Grundwasserverhältnissen des vulkanischen Vogelsberges. 1996 wurde ein „Leitfaden zur umweltverträglichen Wassergewinnung im Vogelsberg“ erstellt.

Im Dezember 2000 veröffentlichten das HLUG und das Umweltministerium eine 32-seitige Broschüre zum "Grundwasser im Vogelsberg" auf Basis der Untersuchungen Dr. Bernd Leßmanns. Damit hoffte man, eine sachliche Grundlage zu schaffen für die laufenden Wasserrechtsverfahren.

Das komplette Paket enthielt noch weitere Dokumentationen und Handlungsempfehlungen zur Hydrogeologie des Vogelsberges sowie ein "Übergreifendes Gutachten zur Wassergewinnung im Vogelsberg (10/2001)“.

Quelle: Brigitta Möllermann


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Schutz des Naturraumes - Vorsorge treffen für den Klimawandel

Der aktuelle Anlass für die Versammlung im März 2016 in Schotten war - kurz gesagt - der bereits 2013 gefasste Plan Frankfurts, u. a. für die Ausweisung neuer Baugebiete eigene Brunnen und Förderstellen stillzulegen. Die Einbußen bei der Wasserförderung sollen in Zukunft ausgeglichen werden durch den Bezug von Grundwasser aus dem Mittelgebirge Burgwald im Landkreis Waldeck-Frankenberg / Marburg-Biedenkopf (nördlich Marburg, südlich Frankenberg / Eder) sowie dem Vogelsberg, dem wichtigsten hessischen Fernwassergewinnungsgebiet neben dem Hessischen Ried.

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